Schönes Gift

Wenn ich neue Gärten plane, höre ich manchmal Sätze wie:
„Bloß keine Giftpflanzen! Ich habe Kinder / Enkel / Haustiere!“

Das verstehe ich gut. Doch jedes Mal, wenn ich durch meinen eigenen Garten gehe oder durch historische Parkanlagen spaziere, denke ich:
Wie traurig wäre eine Welt ohne Eisenhut, Rittersporn oder Fingerhut?

Giftpflanzen gehören oft zu den schönsten Erscheinungen im Garten – geheimnisvoll, kraftvoll, oft von atemberaubender Eleganz. Und sie erzählen Geschichten: von Schutz und Heilung, von Gefahr und Schönheit, von Respekt und Verantwortung.


Schönheit mit Geschichte

Viele unserer heutigen Zierpflanzen sind seit Jahrhunderten Begleiter des Menschen – in Klostergärten, Apothekergärten und Schlossparks.
Früher nutzte man ihre Wirkstoffe in Medizin und Ritualen, heute schätzen wir vor allem ihre Formen und Farben.

Der blaue Eisenhut zum Beispiel – majestätisch, tiefblau, mit einer fast samtigen Ausstrahlung – gilt als eine der giftigsten Pflanzen Europas. Und doch zieht er uns mit seiner Würde und Strahlkraft magisch an.
Oder der Fingerhut, der mit seinen glockenförmigen Blüten ganze Beete zum Leuchten bringt – giftig, ja, aber auch von einer unglaublichen Anmut.


Wir alle haben Giftpflanzen im Garten

Vielen meiner KundINNen ist oft gar nicht bewusst, dass einige alltägliche Gartenpflanzen giftig sind:
Eibe, Liguster, Kirschlorbeer, Maiglöckchen, Narzissen, Pfingstrosen – sie alle enthalten Stoffe, die in größeren Mengen schädlich sein können.

Paeonia rockii (Strauch-Pfingstrose)
Paeonia rockii (Strauch-Pfingstrose)

Doch das heißt nicht, dass sie gefährlich sind.
Es macht einen großen Unterschied, ob man eine Pflanze isst oder sie nur berührt.
Viele Giftpflanzen sind beim bloßen Anfassen völlig harmlos. Nur wenige – wie Eisenhut oder Wolfsmilch – sollte man beim Gärtnern mit Handschuhen behandeln.

Euphorbia characias subspecies wulfenii (Wulfens Wolfmilch)

Und: Nicht jede Giftpflanze ist lebensbedrohlich.
Manche führen höchstens zu Magenverstimmung oder Hautreizungen – unangenehm, aber nicht dramatisch.
Die meisten sind einfach Pflanzen, die man mit Respekt behandelt – wie so vieles in der Natur.


Meine liebsten „schönen Giftigen“

🌿 Aconitum napellus (Eisenhut) oder Aconitum carmichaelii ‚Arendsii‘ (Herbst-Eisenhut)
Majestätisch, tiefblau und beinahe überirdisch schön, übrigens auch als Schnittblume (möglichst nicht auf dem Esstisch…).

  • Giftstoff: Aconitin (hochwirksam, auch über Hautkontakt aufnehmbar)
  • Symptome: Kribbeln, Herzrhythmusstörungen, Atemlähmung bei Aufnahme – Handschuhe empfohlen.
Aconitum napellus (Blauer Eisenhut)
Aconitum carmichaelii ‚Arendsii‘ (Herbst-Eisenhut)

🌿 Digitalis purpurea (Fingerhut)

Ein Insektenmagnet und Eleganz im Frühjahr – kaum eine Pflanze strahlt mehr Würde aus.

  • Giftstoff: Digitoxin / Digitalin (wirkt auf das Herz)
  • Symptome: Übelkeit, Herzrhythmusstörungen, Verwirrtheit – schon kleine Mengen sind giftig.
Digitalis purpurea (Fingerhut)
Digitalis purpurea (Fingerhut)

🌿 Helleborus niger (Christrose)
Ein Winterjuwel mit stillem Glanz.

  • Giftstoff: Helleborin und Saponine
  • Symptome: Magen-Darm-Reizungen, Erbrechen, Hautreizungen – Handschuhe beim Pflanzen tragen.
Helleborus niger (Christrose)
Helleborus niger (Christrose)

🌿 Laburnum anagyroides (Goldregen)
Ein Blütenregen im Mai – warm, gelb, duftend.

  • Giftstoff: Cytisin (höchster Cytisingehalt im Spätherbst in den Samen)
  • Symptome: Krämpfe, Atemnot, Kreislaufversagen – alle Pflanzenteile giftig.
Laburnum anagyroides (Goldregen)
Laburnum anagyroides (Goldregen)

🌿 Convallaria majalis (Maiglöckchen)
Duftend, unschuldig, klassisch – und dennoch nicht harmlos.

  • Giftstoff: Convallatoxin (Herzglykoside)
  • Symptome: Übelkeit, Herzrhythmusstörungen – gefährlich beim Verzehr.

🌿 Narcissus spp. (Narzissen)
Frühlingshaft und strahlend – kaum ein Beet ohne sie.

  • Giftstoff: Lycorin
  • Symptome: Übelkeit, Schwindel, Hautreizungen durch Zwiebelkontakt.
Narcissus poeticus 'Actaea' (Dichernarzisse)
Narcissus poeticus ‚Actaea‘ (Dichernarzisse)

🌿 Euonymus europaeus (Pfaffenhütchen)
Im Herbst leuchten seine Früchte wie kleine Kunstwerke – rosa und orange zugleich.

  • Giftstoff: Evonin (in Samen und Rinde)
  • Symptome: Übelkeit, Erbrechen, Schwindel, Durchfall – besonders für Kinder verlockend, da die Früchte so schön aussehen.
Euonymus europaeus (Pfaffenhütchen)
Euonymus europaeus (Pfaffenhütchen)

🌿 Colchicum autumnale (Herbstzeitlose)
Zart und lilafarben, erinnert an Krokus – doch mit innerer Stärke.

  • Giftstoff: Colchicin
  • Symptome: Übelkeit, Durchfall, Kreislaufversagen – hochgiftig, besonders beim Verzehr der Samen.
Colchicum autumnale (Herbstzeitlose)
Colchicum autumnale (Herbstzeitlose)

🌿 Delphinium spp. (Rittersporn)
Der Inbegriff klassischer Garteneleganz – aufrecht, stolz, farbintensiv – und gleichzeitig ein bisschen geheimnisvoll.

  • Giftstoff: Diterpen-Alkaloide (z. B. Delphinin)
  • Symptome: Übelkeit, Krämpfe, Herzrhythmusstörungen; beim Verzehr giftig, beim Schneiden unbedenklich. In Maßen pflanzen – wunderschön, aber mit Respekt zu genießen.
Delphinium Pacific-Hybride 'Galahad' (Rittersporn)
Delphinium Pacific-Hybride ‚Galahad‘ (Rittersporn)

Andere „Giftige“ in unseren Gärten

🌿 Taxus baccata (Heimische Eibe)
Immergrün, edel und voller Geschichte – seit Jahrhunderten Symbol für Beständigkeit im Garten, als Hecke, Baum oder Formelement.

  • Giftstoff: Taxine (in Nadeln, Samen und Rinde)
  • Symptome: Übelkeit, Schwindel, Herzstillstand bei Verzehr – das rote Fruchtfleisch ist ungiftig, der Samen darin jedoch hochgiftig.
Taxus baccata (Heimische Eibe)
Taxus baccata (Heimische Eibe)

🌿 Ligustrum vulgare (Liguster)

  • Ein typisches Hecken-Gehölz, oft übersehen.
  • Giftstoff: Ligustrin und Saponine
  • Symptome: Erbrechen, Durchfall, in hoher Dosis Kreislaufprobleme.
Ligustrrum vulgare (Liguster)
Ligustrrum vulgare (Liguster)

🌿 Ilex aquifolium (Stechpalme) oder Ilex × meserveae (Blaue Stechpalme)
Glänzende, dunkelgrüne Blätter und leuchtend rote Beeren – ein Schmuckstück im Wintergarten und eleganter Immergrüner für strukturierte Gartenräume.

  • Giftstoff: Ilicin (in Beeren und Blättern)
  • Symptome: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall – vor allem nach Verzehr der roten Beeren, die oft mit essbaren Früchten verwechselt werden.
 Ilex × meserveae (Blaue Stechpalme)
 Ilex × meserveae (Blaue Stechpalme)

🌿 Prunus laurocerasus (Kirschlorbeer)
Nicht mein Liebling – im Gegenteil, aber in vielen Gärten ein Dauerbrenner – glänzende Blätter, dichter Wuchs.

  • Giftstoff: Blausäure (entsteht aus cyanogenen Glykosiden in Blättern und Samen)
  • Symptome: Kopfschmerzen, rotes Gesicht, Übelkeit, Atemnot – nur beim Verzehr, nicht beim Berühren gefährlich.
Prunus laurocerasus (Kirschlorbeer)
Prunus laurocerasus (Kirschlorbeer)

Ein Wort der Gelassenheit

Schöne Giftpflanzen erinnern uns daran, dass Natur immer beides ist: zart und stark, heilend und gefährlich, verlockend und wild.
Und dass wir ihnen mit Wissen und Respekt begegnen sollten.

Vielleicht entdeckt Ihr beim nächsten Spaziergang durch Euren Garten, dass Ihr längst viele dieser „giftigen Schönheiten“ beherbergt – ganz unbesorgt, ganz selbstverständlich.

Ich finde: Sie sind wie gute alte Bekannte – man weiß, was sie können, und begegnet ihnen mit Respekt, aber ohne Angst.