GRAUE WINTER – LEBENDIG & BUNT

Ich beginne gern mit meiner Wahlheimat Husum – oft zitiert als „die graue Stadt am Meer“ (Theodor Storm).
Dass die Winter im Norden lang sein können, heißt jedoch nicht, dass sie grau sein müssen. Im Gegenteil.

Gerade die Strukturen getrockneter Gräser und Stauden – im Titelbild etwa die Fetthenne – entfalten jetzt ihre ganz eigene Schönheit. Sie geben dem Garten Halt, Tiefe und Ruhe. Und sie sind weit mehr als bloße Dekoration: Samenstände dienen Vögeln als Winternahrung, hohle Stängel bieten Überwinterungsplätze für Insektenlarven und Raupen. Der Garten bleibt ein lebendiger Mikrokosmos – auch im Winter.

Von einem Hummelstaat überwintert nur eine einzige Hummelkönigin.
Sie startet bereits bei Temperaturen um die 2 °C in die neue Saison und ist dann sofort auf Nahrung angewiesen, um zu überleben und später ein neues Volk zu gründen.

Beginnen wir bei der Nahrung für unsere Vögel – und damit ist ausdrücklich nicht das im Supermarkt gekaufte Vogelfutter gemeint. Neben den Samen abgeblühter Stauden bedienen sich unsere Piepmätze gern an Beeren, die viele heimische und nichtheimische Gehölze tragen.

Die Hagebutten der Rosen sind vielen bekannt. Ein weiteres schönes Beispiel sind Zieräpfel, etwa Malus ‘Evereste’, der auch im Winter mit seinem Fruchtschmuck überzeugt. Ich empfehle Sorten, die ihre Früchte lange halten und nicht schon im Herbst verlieren – selbst bei starken Stürmen. ‘Evereste’ oder ‘Red Sentinel’ gehören dazu.
Und wer mag, nutzt die kleinen Äpfel als Tischschmuck oder verarbeitet sie zu Marmelade – es sind Äpfel, wenn auch weniger süß als klassische Tafeläpfel.

Malus ‚Evereste‘ (Zierapfel)

Insektenfreundliche Blüten im Frühling und Sommer sind vielen geläufig. Doch auch der Winter hält echte Blütenwunder bereit – bei Stauden ebenso wie bei Gehölzen.

Besonders windfest und zuverlässig sind zwei meiner Lieblingsgehölze:
der Winterschneeball Viburnum × bodnantense ‘Dawn’ mit seinen rosafarbenen, intensiv duftenden Blüten, die oft schon mitten im Winter erscheinen.
Und die Kornelkirsche (Cornus mas), ein heimischer Strauch oder kleiner Baum, der im Spätwinter blüht und einen hohen Nektar- und Pollengehalt bietet – eine wertvolle Nahrungsquelle für Wildbienen.

Unterpflanzt mit heimischen Zwiebelblühern wie Winterlingen (Eranthis hyemalis) ist der Tisch reich gedeckt – für Insekten ebenso wie fürs Auge. Im Bild zu sehen ist der Taurus-Winterling mit seinem etwas feineren Grün.

Bei den meisten Insekten überwintern nicht die erwachsenen Tiere, sondern ihre Nachkommen – als Eier, Larven oder Raupen. Genau deshalb ist es so wichtig, ihnen strukturreiche Lebensräume zu lassen.

Ab Januar – zumindest in der frostmilden Nordseenähe – beginnen die ersten Lenzrosen (Helleborus orientalis) zu blühen. Ich entferne vorab einen Teil des alten Laubs, um die Blüten besser zur Geltung zu bringen. Die Sortenvielfalt ist groß – Achtung, Suchtgefahr.
Ebenfalls ökologisch wertvoll und in größeren Flächen besonders stimmungsvoll ist die Schneeheide (Erica carnea). In Weiß- und Rosatönen trotzt sie Wind und Wetter. Wer sich an milden Wintertagen mitten in ein Erica-Feld setzt, hört mit etwas Glück ein überraschend lautes Summen: Der hohe Nektargehalt macht sie zu einem echten Insektenmagneten.

Nicht alle Winterblüher leisten diesen Beitrag. Die von vielen geliebte Forsythie etwa bietet so gut wie keine Nahrung für Insekten.

Meine persönliche Lieblingspflanze aus Kindertagen ist das Duftveilchen. Ich habe es mit meiner Großmutter an wilden Standorten gepflückt – und noch heute ist der Duft in meiner Erinnerung lebendig.
Viola odorata blüht in tiefem Blau (inzwischen auch in zarten Rosatönen) oft schon im Winter und eignet sich wunderbar als Bodendecker unter Gehölzen. Die Blätter dienen als Raupenfutter – also nicht wundern, wenn die Pflanze zeitweise etwas lichter aussieht. Die Blüten wiederum liefern Nektar für Wildbienen.
Eine schöne, etwas später blühende Ergänzung ist das Labradorveilchen mit seinen dunklen Blättern.

Auch im Grau des Winters bleibt der Garten ein Ort des Lebens, für uns Menschen und natürlich unsere kleinen Bewohner.